Eine Ode an...,  Features,  Filme

Danish Dynamite

Nicolas Winding Refn – was habe ich dich lieben und teilweise auch hassen gelernt. Wie die meisten hier, habe ich ihn durch Drive mit Ryan Gosling kennengelernt. Ein stylisches Action Drama getaucht im Neonlicht von Los Angeles. Darüber wurden 80er-Synthesizer-Soundtracks gelegt und ein Klassiker war geboren und ich habe mich verliebt. Als nächstes stand Only God Forgives in den Startlöchern. Ähnlich dramatisch, aber dafür wesentlich kryptischer in seiner Symbolik und fast in Zeitlupe erzählt. Meine Zuneigung wurde etwas geschmälert. Irgendwie hat es beim ersten Mal nicht zwischen uns gefunkt, wie gesagt, beim ersten Mal.

Etliche Jahre später. Ich komme mit zwei bis drei Bier im Kopf nach Hause und will mir noch einen Film ansehen und da lächelt mich wieder Ryan Gosling getränkt im roten Neon an. 90 Minuten später und ich bin Nicolas Winding Refn wieder verfallen. Vielleicht lag es daran, dass ich wusste was auf mich zukommt oder auch an meinen veränderten Sehgewohnheiten und Vorlieben oder einfach nur am Bier. Ich kann es euch nicht sagen. Das Wichtige ist jedoch, dass ich unbedingt mehr über Nicolas Winding Refn wissen wollte und woher er überhaupt kommt. Wie kam es zu Drive und Only God Forgives

Schnitt – Das Mubi-Monatsabo fährt eine Nicolas Winding Refn-Offensive. Alle Filme des dänischen Regiseeurs stehen für etwa 30 Tage zur Verfügung. Ein besseres Timing hätte es nicht geben können und so begann mein Weg durch die Filmographie Refns. Den Anfang macht Pusher – und was für ein wilder Auftakt das war.

Kopenhagens Gangster bekommen ein Zuhause

Pusher ist der erste Teil der Gangster-Trilogie, die sich der Kopenhagener Unterwelt widmet. Zusammen mit seinem Freund Tonny, gespielt von Mads Mikkelsen, der hier sein Leinwanddebüt feiert, verkauft Frank (Kim Bodnia) kleinere Mengen Heroin/ Kokain für den Serben Milo (Zlatko Buric). Als ein alter Gefängnisfreund von Frank auftaucht und 200g Heroin kaufen will, leiht er sich die Ware von Milo. Als dann plötzlich die Polizei bei der Übergabe auftaucht, wirft Frank das ganze Heroin in einen See – die Polizei hat jetzt zwar nichts mehr gegen ihn in der Hand, Milo hingegen, will sein Geld haben. Eine verzweifelte Jagd nach Geld und Überleben beginnt.

Nicolas Winding Refn bietet mit Pusher einen semi-dokumentarischen Blick in die Drogenszene Kopenhagens. Ein realistischer Blick hinter die Kulissen der Kriminalität, bei der die Kamera immer nah am Geschehen ist. Die Chemie zwischen Kim Bondia und Mads Mikkelsen’s Charakter Tonny stimmt einfach perfekt: Perverse und absurde Dialoge zwischen den beiden lockern die Stimmung immer wieder auf. Nur damit Refn wieder die Abwärtsspirale des Chaos weiter hinabzusteigen kann. Milo (Zlatko Buric), der in Pusher 3 die Hauptrolle spielt, fügt sich nahtlos in das Duo ein und mimt den serbischen Gangsterboss ausgesprochen authentisch. Wer den alten Druglord nicht in sein Herz schließt, ist hoffnungslos verloren. Mir schallt sein Ruf nach „Fraaaankeeee!“ immer noch in den Ohren umso besser, dass er in Pusher 3 seinen eigenen Film bekommt.  

Kim Bodnia als Frank in Pusher (1996) © Galileo Medien AG

Der Weg zum ersten Pusher

Doch wie kam es zu Pusher? Als Refn in den späten 90ern in Dänemark die Möglichkeit erhielt die Filmschule zu besuchen und gleichzeitig das Geld für seinen ersten Spielfilm zusammen hat, musste er sich entscheiden. Anzumerken ist, dass die dänische Filmschule nur sechs Studenten alle zwei Jahre aufnimmt, somit ein unglaubliches Glück für Refn.

Ich will meinen eigenen Weg gehen . Das beste für mich ist, jetzt einen Spielfilm zu drehen. 

– Nicolas Winding Refn

Und so kam es, dass Refn 600.000 Kronen (100.000 €) in die Hand nahm und begann Pusher zu drehen. Der elitären Filmhochschule drehte er den Rücken zu und zog so auch den Zorn einiger Dänen auf sich.

Tonny (Mads Mikkelsen) und Frank (Kim Bodnia) in Pusher (1996) © Galileo Medien AG

Der Dreh war noch echt Rock ’n‘ Roll! 

– Mads Mikkelsen

Keine Struktur in der Organisation und hastiges Hin- und herrennen zwischen den verschiedenen Appartementwohnungen. Nicolas Winding Refn hatte zu diesem Zeitpunkt also keine Ahnung von einer „richtigen“ Filmproduktion. Wie er selbst sagt, ist er mit einer seliger Ignoranz und Unwissen vom Filmemachen an Pusher herangetreten. 

Die Dogme-95

Zur Zeit von Pusher wurde die Dogme-95 Bewegung von Lars von Trier und Thomas Vinterberg ins Leben gerufen. Hintergrund war, dem Regisseur, im Vergleich zum Studio, wieder mehr Macht als Künstler zu geben. Der sogenannte „Vow of chastity“ wurde erschaffen. Er legt fest unter welchen Regeln ein Film im Dogme-95 Format gedreht werden sollte: 

  • on location shooting
  • kein Sound dubbing, auch Musik nicht
  • keine Kameratricks, auch schwarz/ weiß
  • keine Spezialeffekte
  • muss zur Zeit des Drehs stattfinden und on location spielen

Wichtigster Film dieser Bewegung ist Das Fest von Thomas Vinterberg

Der doku-real Stil von Pusher, und das, obwohl es Fiktion ist, inspirierte das Dogme-95 Konzept sehr, so Mads Mikkelsen, aber das würde man natürlich niemals zugeben. 

Gewalt und ihre Darstellung spielt in Nicolas Winding Refns Werken ein große Rolle. Dennoch nutzt er sie nur um das Verhältnis der Menschen zur Drogenszene dem Zuschauer näher zu bringen. Die Affinität zur Gewalt und ihrer Inszenierung nimmt Nicolas Winding Refn aus seiner Kindheit. Denn obwohl er in Dänemark geboren ist, verbrachte er seine prägenden Jahre in Manhattan der 1980er. Als die Stadt „degeneriert und schön“ war. Um gegen seine Eltern, die Hippies waren, zu rebellieren, blieben ihm nicht viele Möglichkeiten. Er zog es daraufhin vor ins Kino zu gehen um sich Horror- und Gewaltfilme anzusehen. Mit 10 Jahren brachte er seine Sitterin dazu, ihm eine VHS von Die Klapperschlange zu kaufen. In seinem 14. Lebensjahr sah er Blutgericht in Texas im Doppelfeature mit Hügel der blutigen Augen um danach über Leatherface zu sagen:

It was the greatest movie ever made. 

– Nicolas Winding Refn

…und das ist er auch heute noch. Sein Lieblingsfilm, den er auch seiner jetzigen Frau Liv Corfixen beim ersten Date vorführte.

Nicolas Winding Refn mit Zlatko Buric beim Dreh von Pusher 3 (2005) © Galileo Medien AG

Nicolas Winding Refn, ein interessanter Mensch, der den Meisten durch Drive ein Begriff geworden ist und hoffentlich werden jetzt einige von euch seine früheren Werke in den DVD-Player werfen und gebannt in die Drogenszene Kopenhagens abtauchen, Bronson im Gefängnis oder auch die Modewelt und ihren abscheulichen Narzissmus erleben!

 Zum Schluss noch der Trailer zur Trilogie mit einem der besten Gitarrenriffs der Soundtrackgeschichte:

Was haltet ihr von Nicolas Winding Refn und seinen Filmen? Kennt ihr die Pusher-Trilogie schon?

Gude zusammen! Ich befeuert euch mit allem was mir in die Finger kommt, egal ob Arthouse, Blockbuster oder der neueste Nicolas Cage Trash vom Grabbeltisch. Es wird vor nichts Halt gemacht!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.