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Der Winter ist endlich da

Der 14. April ist der Anfang vom Ende: Die Erfolgsserie Game of Thrones geht in ihre achte und letzte Runde. Der Winter ist nun „endlich“ da und der finale Kampf um den Eisernen Thron und Westeros beginnt. Somit ist es Zeit, dass unser Autor und Fan der ersten Stunde in einer neuen Ausgabe von „Eine Ode an…“ verrät, warum GOT die beste Serie aller Zeiten ist.

Es fühlt sich gar nicht so lange her an, als ich im Laden stand und die matt schimmernde DVD-Box der ersten Staffel von Game of Thrones im Regal aufblitzen sah. Ich näherte mich neugierig, aber unaufgeregt. Wie hätte ich denn damals ahnen können, dass dies der Beginn einer feurigen Liebe und kranken Sucht werden sollte? Auf dem Cover erkannte ich Sean Bean (bekannt als Boromir aus Der Herr der Ringe), der auf einen unbequem wirkenden Thron sitzt und sich auf ein Schwert stützt.

Ich inspizierte mit hochgezogener Augenbraue die Kurzbeschreibung auf der Rückseite: eisiger Norden, eine Mauer, die das Böse abhält, irgendwas mit einem eisernen Thron und ganz viele Betrügereien und Intrigen. Ich war angefixt. Rasch lief ich zur Kasse, kramte meine letzten Münzen hervor und eilte nach Hause. Und ungefähr zehn Stunden später wusste ich: Das ist der heilige Gral der Serienwelt.

Sean Bean als Eddard Stark auf dem Eisernen Thron. – © HBO

Damit begann eine Reise, die man streckenweise auch als Hassliebe bezeichnen kann. Denn keine Serie auf dieser Welt ringt einem als Zuschauer so viel ab wie Game of Thrones. Tränen, Freude, Trauer, Jubelschreie und Wutausbrüche – all dies haben ich und Millionen weitere Menschen auf der ganzen Welt in den letzten acht Jahren erlebt und durchgemacht. Es war anstregend und intensiv, aber genau deswegen auch so schön und unvergleichlich. Da kann jede andere Serie einpacken – auch LOST.

Eine neue Ära

Für mich hat Game of Thrones in jeglicher Richtung eine neue Serien-Ära eingeläutet. Natürlich gab es mit Breaking Bad und LOST zwei Serien, die einen ähnlichen Hype ausgelöst haben. Aber selbst sie kommen nicht ansatzweise an die schiere Genialität von GOT heran. Im Endeffekt sind sie alle ein Produkt ihrer Zeit. Denn seit Anfang der 2000er kristallisiert sich ein neuer Trend in der Serienlandschaft heraus: Sogenannte Qualitätsfernsehserien – oder kurz im Englischen: Quality TV.

Der Begriff schwirrt zwar schon seit den 1990er Jahren in der Medienlandschaft umher und beinhaltete damals Serien wie Twin Peaks oder Hill Street Blues, aber erst in den letzten zehn bis 15 Jahren hat sich dieses zunächst einzigartige Phänomen hin zu einem Trend und mittlerweile zu einer Normalität entwickelt. Und die Streaming-Dienste Netflix und Amazon Prime haben dann schließlich den Deckel zugemacht.

Der Game of Thrones-Cast der achten und finalen Staffel. – © HBO

So sind Serien die neuen Filme, das neue popkulturelle Ereignis. Kaum ein Mensch geht noch ins Kino, vielmehr klemmt man sich Zuhause hinter den Laptop oder wanzt sich vor den Fernseher und schaut sich eine ganze Staffel an einem Tag an. Ist auch vollkommen fein bei dem aktuellen Angebot. Denn diese Qualitätsfernsehserien zeichnen sich – wie der Name schon verrät – durch eine gewisse Qualität aus. Oder besser gesagt durch viele Qualitäten.

So haben sie laut Definition einen hohen Produktionswert, größere Budgets und ein großes Schauspielensemble. Zudem sind sie anspruchsvoll, komplex und auf eine Art und Weise herausfordernd. Kurz: Quality TV ist kein „normales“ Fernsehen. Und Game of Thrones ist nicht nur auf dieser Welle, die vor allem mit LOST und Breaking Bad ihren Anfang nahm, mitgeritten. Sie ist an den beiden vorbeigerauscht und hat sich auf den Thron gesetzt.

Nur Sex, Inzest und Drachen? Wohl eher nicht!

Doch um was geht es eigentlich in Game of Thrones? Alleine diese Frage zu stellen, ist an sich schon eine Sünde, da jeder Mensch die Serie kennen sollte. Aber ich befürchte, dass es immer noch einige Leute da draußen gibt, die sich Game of Thrones nicht anschauen wollen. Warum auch immer. Normal ist das nämlich nicht. Und wenn mir nochmal jemand erzählt, dass es doch nur um Sex, Inzest und Drachen geht, dann verliere ich endgültig den Glauben an die Menschheit. Wie oberflächlich, arrogant und desinteressiert kann man denn bitte sein?

Danerys (Emilia Clarke) und Jon (Kit Harrington) besuchen die Drachen. – © HBO

Aber zurück zum Thema: Im Kern handelt Game of Thrones vom fiktiven Land Westeros und vom Kampf um den Eisernen Thron. Nach dem Tod des letzten Königs in der ersten Staffel entbrennt nämlich ein gigantischer Konflikt zwischen den verschiedenen Adelsfamilien um die Thronfolge. Dabei rollen Köpfe, Leute werden verbrannt, oder erdolcht, und ihre Kehlen aufgeschnitten, sie werden vergiftet und Hunden zum Fraß vorgeworfen. Zudem gibt es jede Menge Verrat und Intrigen. Und Verbündete werden zu Feinden und umgekehrt.

Doch während sich die Familien der Starks, Lannisters und Baratheons gegenseitig in Westeros die Köpfe einschlagen, wartet die rechtmäßige Königin auf einem anderen Kontinent auf den perfekten Moment, um mit ihren Drachen den Eisernen Thron zurückzuerobern. Außerdem nähert sich aus dem kalten Norden eine untote Armee, die alles Leben vernichten will. Und da soll noch jemand sagen es geht nur um Sex und Inzest.

Gigantisch, mitreißend und jede Menge Arbeit

Doch was macht Game of Thrones nun so besonders? Und was unterscheidet sie von anderen Serien? Zum einen hätten wir natürlich das Setting. Ich bin zwar selbst kein großer Fantasy-Fan, aber die Welt, die George R. R. Martin mit seinen Buchvorlagen erschaffen hat, ist einfach nur phänomenal. All die Orte, Namen und allem voran die komplexe Geschichte des Kontinents Westeros sprechen für die Genialität dieses Mannes. Hier ist echt alles von Anfang bis Ende durchdacht. Und so fühlt sich diese auf dem Papier sehr fremde Welt oftmals sehr real und greifbar an – auch wenn Drachen durchs Bild fliegen.

Die Welt von Game of Thrones. – © HBO

Martin sagte selbst einmal, dass er sich an einigen Stellen an der europäischen Geschichte des Mittelalters orientiert hat. So waren z.B. die sogenannten Rosenkriege (1455 bis 1485) um die englische Thronfolge eine bedeutende Inspirationsquelle. Kleine Details wie dieses zeigen einfach umso mehr, wie viel Aufwand und Hintergedanken in dieser Serie stecken. Und das sieht man dann auch auf dem Bildschirm: Die Kostüme, die Sets, die Burgen, das Make-Up, die Schlachten und die Drachen sind einfach nur atemberaubend. Das hat eigentlich kaum noch etwas mit Fernsehen zu tun. Vielmehr ist es eine Symbiose aus Film und Serie – und zwar mit den besten Attributen aus beiden.

Der nächste Punkt sind die Charaktere. Über die Jahre und Staffeln hat sich ein riesiges Ensemble an verschiedenen Figuren angesammelt, das meiner Meinung nach von keiner anderen Serie übertroffen wird. Und die Charaktere, egal ob nun Jon, Deanerys, Tyrion, Sansa, Arya oder Jaime, wachsen einem wirklich ans Herz und faszinieren einen – sowohl im positiven als auch negativen Sinn. Man leidet und freut sich mit ihnen, aber genauso so gut hasst man sie auch an manchen Stellen. Teilweise verabscheut man am Anfang eine Figur und liebt sie am Ende – oder umgekehrt. Es ist unglaublich.

Und natürlich muss man auch über die ganzen Toten bzw. Tode reden. In dieser Serie sterben im Laufe der Geschichte so viele Charaktere – das muss ein Rekord sein. Und ich spreche hier nicht von langweiligen Nebenfiguren, für die sich keiner interessiert – wie bei LOST. Nein, hier sterben einfach mal mittendrin ein paar Hauptcharaktere. Und das Schlimme dabei: Man sieht es einfach nicht kommen – außer man hat natürlich die Bücher gelesen. Aber wenn ich einfach an die unzähligen Momente denke, in denen ich mit aufgerissenen Augen und offenem Mund schweigend vor dem Bildschirm saß und meinen Augen nicht trauen konnte, dann läuft es mit immer noch kalt den Rücken runter. Wie gesagt: Hassliebe.

Der Winter ist da: Aber werden ihn Jon (Kit Harrington), Sansa (Sophie Turner) und Arya (Maisie Williams) überleben? – © HBO

Aber genau damit sticht Game of Thrones hervor. Diese emotionale Verbundenheit mit den Figuren und ihren Geschichten habe ich so bei noch keiner anderen Serie erlebt. Selbst die Bösewichte liebt man zu hassen. Was mich gleich zum nächsten Punkt führt. Die Antagonisten sind so überragend geschrieben und gespielt, dass man als Zuschauer manchmal am liebsten weinend das Zimmer verlassen oder aus Wut den Bildschirm einschlagen will. Cercei, Joffrey, Tywin und allen voran Ramsay sind so ekelhaft, einschüchternd und vielschichtig – das hat man noch nicht gesehen. Es gibt da den Spruch „Hate the character, respect the actor“, der an dieser Stelle sehr passend ist. Denn in meinem ganzen Leben habe ich eine Serien- oder Filmfigur so gehasst wie sie. Hut ab vor deren Schauspielleistung!

Aber was mich am meisten an Game of Thrones beeindruckt, ist seine unfassbare narrative Komplexität. Am Anfang denkt man noch, dass es nur um den Kampf um den Eisernen Thron geht. Doch es kommen so viele wichtige Nebenhandlungen, kleinere Geschichten und Figuren dazu, welche die Serienwelt immer weiter ausbauen. Es folgen Intrigen, Verrat und Tode, die mittendrin die ganze Handlung in eine neue Richtung lenken.

Zugegebenermaßen kann das für einen als Zuschauer schnell sehr unübersichtlich werden, vor allem die vielen Namen. Aber ich finde, dass das die Serie erst besonders macht. Man muss aufpassen, sich im Internet informieren und oder die Bücher zu Rate ziehen. Von Game of Thrones kann man sich nicht einfach berieseln lassen. Hier sind Hirnschmalz und Aufmerksamkeit gefragt, sonst verliert man ganz schnell den Faden.

Man muss als Zuschauer und Fan aktiv werden. Und je aktiver man ist, desto involvierter ist man in das Geschehen und fühlt mit. Fängt man nämlich einmal an, sich mit den zahlreichen Fan-Theorien zu beschäftigen, platz einem fast die Birne bei dem großen Potential der Geschichte. Und was gibt es besseres als Theorien, die sich nach Jahren des Wartens als richtig herausstellen? Diese Genugtuung ist einfach unbeschreiblich. Ich sage nur: R+L=J. Und im Gegensatz zu Serien wie LOST gibt es Auflösungen – auch wenn sie nicht immer alle zufrieden stellen. Aber das gehört zu Game of Thrones dazu. Denn Langeweile gibt’s hier nicht – selbst wenn man dafür manchmal leiden muss.

Der Anfang vom Ende

Nun sitze ich hier, acht Jahre nachdem ich mir die erste Folge angesehen habe und warte, dass die letzte Staffel beginnt. Acht Jahre voller Freude, Trauer, Grübelei, Spaß und Aufregung. Und bald ist es vorbei. Eigentlich freue ich mich auf das Ende. Da hat man die Möglichkeit, melancholisch zu werden und in Erinnerungen zu schwelgen. Und so war es auch in den letzten Wochen und Monaten, in denen ich mir nochmal alle Folgen angeschaut habe.

Aber was kommt danach? Leere? Ich bin leider davon überzeugt, dass es für mich wird nie wieder eine Serie wie Game of Thrones geben wird. Da kann mir jemand noch so oft LOST empfehlen. Bei GOT habe ich mitgefiebert, sehnlichst gewartet, gelitten, gelacht und (fast) geweint. Man könnte meinen, ich schreibe hier von einer Beziehung, die kurz vor dem Aus steht. Aber irgendwie fühlt es sich so an. Denn wenn die letzte Folge über meinen Fernseher flimmert, ist etwas Wunderschönes zu Ende, das mich lange Zeit begleitet und beschäftigt hat. Und das wird mir das Herz brechen. Gott, wie sehr ich diese Serie liebe …

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