Clint bleibt Clint

Clint Eastwood beim Schauspiel zuzuschauen, ist auch nach über 50 Jahren und seinem Durchbruch in der Dollar-Trilogie, noch ein echtes Vergnügen. Auch in seinem neuesten Werk The Mule ist Eastwood wieder ein echter Hingucker. Der Film ist deswegen leider trotzdem nicht besonders sehenswert.

Eigentlich hatte Eastwood nach seinem beeindruckenden Auftritt in Gran Torino (2008) angekündigt, seine Schauspielkarriere zu beenden und nur noch als Regisseur und Produzent tätig sein zu wollen. Nur vier Jahre später folgte mit Back In The Game aber schon die Rückkehr vor die Kamera und nun folgte also The Mule, in dem „Dirty Harry“ auch gleich die Regie und die Produktion übernahm.

Als Kriegsveteran hat sich Earl Stone (Clint Eastwood) einen Namen als anerkannter Gartenbauexperte gemacht. Doch die Digitalisierung läutete das abrupte Ende von Earls Geschäft ein – mittlerweile ist er hoch verschuldet. Zudem tut sich der stolze Greis immens schwer, wenn es um Familienangelegenheiten geht und die Beziehung zu seiner Tochter und seiner Ex-Frau ist schwer geschädigt. Um aus den Schulden zu entfliehen, arbeitet Earl fortan als Drogenschmuggler („Mule“) für das mexikanische Kartell. Weil er als betagter Mann für die Grenzpolizisten ein harmloser alter Mann zu sein scheint, leistet Earl hervorragende Arbeit, sogar so gut, dass seine zu transportierende Fracht immer wertvoller wird. Das Kartell beauftragt sogar einen Aufpasser, der nur ein Auge auf Earl haben soll. Obwohl die Geschäfte zwischen Earl und dem Kartell so gut laufen, gerät er eines Tages auf den Radar des erbarmungslosen DEA-Agenten Colin Bates (Bradley Cooper).

Mit gewohnt trockenem Humor, ist Eastwood der Lichtblick in dem Film. Selbst mit seinen 88 Jahren, wirft Clint einen Spruch nach dem anderen durch die Gegend und wirkt damit sogar den breiten mexikanischen Bad Boys überlegen („Jungchen, ich war im Krieg! Du machst mir bestimmt keine Angst.“). Generell beschränkt sich der Film auf coole Sprüche und wenig Tiefgang – die Versuche, enge Beziehungen zwischen den Protagonisten herzustellen, bleiben nur rudimentär. Die Ansätze sind zwar da (vor allem in der Beziehung zwischen Earl und seinem Aufpasser Julio (Ignacio Serricchio) wäre einiges möglich gewesen), werden letztlich aber nicht konsequent umgesetzt.

Im Gegenteil: Der Film schafft es in der ersten Hälfte durchaus, Spannung aufzubauen und ein Konstrukt mit viel Potenzial zu schaffen, verläuft sich in seiner zweiten Hälfte dann aber in völlig belanglosen Nebengeschichten, baut unnötige Längen auf und endet dann doch ganz abrupt. Anders, als im klassischen Erzählmuster, wird zudem auf ein furioses Finale verzichtet. Dies ist zwar ganz erfrischend, hätte aber ausgerechnet hier doch ganz gut gepasst.

Gebeutelt: Clint Eastwood hat es nicht einfach © Warner Bros. Entertainment Inc

Eastwood wäre nicht Eastwood, würde er auf Kontroversen verzichten. Wie schon in Gran Torino, greift Eastwood auch in The Mule die Rassismus-Vorwürfe gegen ihn auf und stellt sich selbst als konservativer Greis dar, dem auch mal das Wort „Neger“ im Gespräch mit einer afroamerikanischen Familie über die Lippen huscht. Von diesen Meta-Szenen gibt es einige – Eastwood weiß eben, wie er polarisiert.

Technisch ist der Film einwandfrei, was auch an Kameramann Yves Bélanger (Serienhit Big Little Lies) liegt, der die Weiten, die Eastwood als Kurier regelmäßig mit seinem Pick Up abfährt, sehr gut einfängt. Auch sonst ist der Perfektionismus von Eastwood in jeder Szene spürbar – optisch und inszenatorisch ist dem Film nichts vorzuwerfen.

Über die Nebendarsteller Bradley Cooper, Laurence Fishburne und Michael Pena lässt sich eigentlich kaum was sagen: Zu belanglos sind ihre Rollen, auch wenn Cooper durchaus Potenzial für mehr gehabt hätte. Doch anstatt ihm ein ernstes Profil zuzuschreiben, muss auch er mit coolen Cop-Lines um sich werfen und verliert somit schnell an Autentizität.

Fazit: The Mule ist ganz klar auf Clint Eastwood zugeschnitten, der hier als „cooler alter Opa“ eine One-Man-Show abliefert, die durchaus überzeugt. Erzählerisch hat der Streifen allerdings nichts zu bieten und verschenkt durch belanglose Handlungsstränge Potenzial für einen nachwirkenden Eastwood-Klassiker.V


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