Wir – Das Böse sind wir selbst
2017 tauchten wir mit Get Out in Jordan Peeles Sunken Place ab. Ein dunkler Ort im tiefsten des Unterbewusstseins, ohne Wiederkehr und ohne Hoffnung, der symbolisch für die Versklavung der Afro-Amerikaner steht. Eine spannende Gesellschaftssatire im Schleier des Horrorgenres, die nicht nur fabelhaft inszeniert ist, sondern den Zuschauer auch noch zum Nachdenken anregt. Mitunter das Beste, was Hollywood in Sachen Genrekino die letzten Jahre auf die Leinwand gebracht hat und das spiegelte sich auch in etlichen Boxoffice Rekorden wider. Zwei jähre später und Jordan Peele bringt sein nächsten Film in die Kinos – Wir ist ähnlich symbolgewaltig, aber mit deutlichem Fokus auf mehr Grusel und Spannung.
Therefore this is what the Lord says: ‘I will bring on them a disaster they cannot escape. Although they cry out to me, I will not listen to them.
Jeremiah 11:11
“Ich will ein Unglück über sie gehen lassen, dem sie nicht sollen entgehen können.” So steht es im Neuem Testament geschrieben, und so lässt Peele schreckliche Geschehnisse auf seine Charaktere niederprasseln. Ohne ein Entkommen, denn es holt sie immer ein, egal wo sie sind. Wir kommt als eine Mischung aus Horror und Komödie um die Ecke. Grundsätzlich zwei Genres, die sich gegenseitig kannibalisieren und meist zum Zerfall der Horrorelemente führt. Anders bei Jordan Peele. Ursprünglich aus dem Comedygenre stammend, ist er auch sehr gut mit dem Horror vertraut und das merkt man Wir in jeder Szene an. Ein T-Shirt von Der Weiße Hai direkt am Strand oder ein Hauptdarsteller der auf den Namen Jason hört und sich hinter einer Maske versteckt, da fehlt nur noch der Nachname Vorheese und das Familienglück am See wäre wiederhergestellt. Die kleinen Hommagen fügen sich sehr harmonisch und nicht gezwungen in den Film ein, sie füllen ihn mit Leben und bringen Genrefans dazu gebannt auf dem Kinositz hin und her zu rutschen.
33 Jahre nach einem traumatischen Zwischenfall kehrt Adelaide Wilson mit ihrem Mann Gabe und ihren zwei Kindern Zora und Jason an die nordamerikanische Küste zurück. Beunruhigt und unsicher, weigert sich Adelaide zuerst einen Tag am Strand von Santa Cruz zu verbringen. Die schrecklichen Erinnerungen kommen immer wieder hoch und innere Panik breitet sich in ihr aus, doch aus Liebe zu ihrem Mann und den Kindern überwindet sie ihre Angst und der Strandausflug findet doch statt und so kommt es, dass eine Vielzahl an merkwürdigen Zufällen aufeinandertrifft und eines nachts eine vierköpfige Familie in der Auffahrt steht, die ausgesprochen vertraut aussieht.
Wir kommt dem ersten Anschein nach sehr smart daher, mit vielen verschiedenen Bedeutungsebenen, Symbolen und der bekannten Gesellschaftskritik. Auf den zweiten Blick oder auch einigen Minuten Bedenkzeit, beginnt das Konstrukt Wir doch an einigen Stellen zu bröckeln. Peele will Satire, Horror und Komödie unter ein Dach bringen, was ihm, zugegeben, auf erstaunlich souveräne Art gelingt und das ohne seinen eigenen Stil zu hinterfragen oder davon zu stark abzuweichen. Problematisch wird es jedoch, wenn der Mut fällt ein Mysterium als eben solches stehen zu lassen und aufgedeckt werden muss. So beschwört Peele statt einem lang ersehntem Aha-Moment mehr Fragen und Verwirrungen herauf. Wichtig ist jedoch, das alles in sich funktioniert: Welt, Charaktere, Handlungen und Geschehnisse. Alles ist aufeinander abgestimmt und wirkt wie aus einer Feder.
Nicht nur die Welt ist stimmig, sondern auch die technischen Aspekte fügen sich nahtlose in die Welt von Wir ein, allen voran die grandiose Kameraarbeit von Michael Gioulakis, der bereits den fantastischen It Follows gefilmt hatte. Seine schleichende, fast manisch beobachtenden Kamerafahrten könnten ebenso im Overlook Hotel aus Shining stammen und ja ich schaue nebenbei David Robert Mitchells It Follows zum 4. Mal. Kunst beflügelt nunmal Kunst und so war es auch bei Gioulakis und Peele. Eine außerordentlich bedrückende Atmosphäre wird geschaffen. Ein Gefühl des Nie-Alleinseins kommt auf, wenn wir die Familie in ihrem Haus durch die Kamera beobachten. Ebenso fantastisch ist auch der Score von Michael Abels, der bereits bei Get Out mitgewirkt hat. Eine Mischung aus Der weiße Hai mit Spitzen gezupfter Violinen und Geigen wirken nicht nur treibend und bedrohlich, sondern lassen den Zuschauern die allgegenwärtige Bedrohung spüren.
Doch kommen wir zu den wahren Stars, dem überragendem Cast. Lupita Nyong’o spielt die zerbrechliche Mutter fantastisch. Die Hände zittern, die Füße tippeln auf dem Boden und die Schultern sind eingefallen. Selbst, wenn sie nur mit dem Rücken zugewandt zum Zuschauer steht, bricht sie uns so durch bloße Gestik und Körperhaltung das Herz und bringt ihre Angst mehr als glaubwürdig rüber. Winston Duke, der durch seine Rolle als M’Baku in Black Panther bekannt wurde, bringt eine unglaubliche Gelassenheit und Freude in den Film, dass man ihn einfach nur lieben muss und das nicht um jede emotionale Fallhöhe á la Marvel zu negieren, sondern um seinem Charakter treu zu bleiben, denn Wir lebt von und mit seinem Charakteren.
Mit Wir hat Jordan Peele wieder einmal einen spannenden, cleveren und zugleich auch packenden Genrefilm geschaffen, der beweist, dass der noch am Anfang seiner Karriere stehende Regisseur, das Können besitzt verschiedenste Gernreformen trotz einiger Makel erfolgreich miteinander zu verbinden und mit seiner Handschrift zu versehen.
Regisseur: Jordan Peele
Genre: Mystery/ Thriller
Crew: Writer: Jordan Peele. Camera (color, widescreen): Mike Gioulakis. Editor: Nicholas Monsour. Music: Michael Abels.
Cast: Lupita Nyong’o, Winston Duke, Elisabeth Moss, Tim Heidecker, Yahya Abdul-Mateen II, Anna Diop, Evan Alex, Shahadi Wright-Joseph, Madison Curry, Cali Sheldon.
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