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Judy – Vom Ende einer Ikone

Gestern war es wieder einmal soweit: Die Verleihung der Golden Globes und auch Judy konnte abräumen! Zum vierten Mal durfte sich Renée Zellweger über den begehrten Award freuen, den sie von Hugh Grant für ihre Rolle in Judy als beste Hauptdarstellerin in einem Musical beziehungsweise einer Komödie überreicht bekommen hatte. Eine große Ehrung also, die Zellweger Darstellung von Judy Garland, erhalten hat. Seit Donnerstag läuft der Film auch in den heimischen Lichtspielhäusern. Ob der Streifen jedoch mehr zu bieten hat als eine großartige Schauspielleistung?

Judy Garland wird den meisten Kino-Fans vor allem durch ihre Rollen in Der Zauberer von Oz und Ein neuer Stern am Himmel bekannt sein. Letztere bot dabei die Vorlage für das oscar-prämierte Remake A Star is Born mit Bradley Cooper und Lady Gaga aus dem Jahr 2018, auch wenn Ein neuer Stern am Himmel selbst schon ein Remake der Thematik dargestellt hatte. Die Hollywood-Ikone war aber zeit ihres Lebens viel mehr als das: Grammys, Golden Globes, Tony Award, (Ehren-)Oscar, Lifetime Achievement Award und vor allem: Galionsfigur der Schwulen-Szene in den 60er-Jahren. Wohlgemerkt bei einem jähen Lebensende mit nur 47 Jahren. Der Begriff Ikone ist also durchaus angebracht und so ist es kein Wunder, dass Judy nicht der erste Spielfilm ist, der sich mit Leben und Schaffen der Sängerin und Schauspielern beschäftigt.

Judy setzt nun allerdings vor allem in den beiden letzten Lebensjahren der Künstlerin an, überdies mit deutlichem Fokus auf deren Privatleben. Nur teilweise werden Eindrücke aus der Kindheit, insbesondere zu den Dreharbeiten während Der Zauberer von Oz eingestreut, um die schwierige Persönlichkeit der Frau zu ergründen. Der Hauptaspekt, den Rupert Goold in seinem Werk aufgreift, besteht allerdings im offenen Sorgerechtsstreit um die beiden Kinder, der zwischen Judy Garland (Renée Zellweger) und ihrem dritten Ehemann Sidney Luft (Rufus Sewell), stattfindet. Um wieder ein geregeltes Leben für ihre Kinder zu führen nimmt Judy die Offerte an, eine Konzertreihe in London zu veranstalten. Neben der offenen Situation rund um den Nachwuchs kämpft das alternde Sternchen allerdings auch mit Selbstzweifeln und einer langjährigen Medikamentensucht…

Nicht immer fällt Judy (Renée Zellweger) der Weg auf die Bühne leicht © eOne Germany

There’s No Business Like Show Business

Wie sich der kurzen Inhaltsbeschreibung wohl schon entnehmen lässt, ist Judy keinesfalls eine Ode an Hollywoods goldene Ära oder die Künstlerin Judy Garland. Regisseur Rupert Goold versucht sich stattdessen an einer Dekonstruktion des Schauspielberufs und zeigt die Schattenseiten des knallharten Show-Geschäfts auf. Fernab von Glamour, Glanz und Gloria. Bereits in der allerersten Szene des Films erklärt Filmproduzent Louis B. Mayer (Richard Cordery) der jungen Judy, dass es durchaus hübschere, jüngere und besser vermarktbare Aspirantinnen für die Rolle der Dorothy Gale gegeben hätte und fordert Dankbarkeit ein. Inszeniert mittels eines Close-Ups, in dem der schmierige Film-Magnat der jungen Schauspielerin ins Ohr säuselt. Das Motiv des Erfolgsdrucks, der Fragilität und auch des Andersseins – mit ein Grund für die Popularität Judy Garlands in der homosexuellen Szene – zieht sich wie ein roter Faden durch deren Leben und auch den Film.
 
Schade jedoch, dass dieses Motiv lediglich anhand des Zauberers von Oz eruiert wird. Gerade der angesprochene Ein neuer Stern am Himmel mit der originalen Garland selbst behandelt exakt die selben Sujets und verleiht deshalb dieser Biographie ein wenig Redundanz. Denn wirklich Neues behandelt der Film nicht. Klar, insbesondere im Vergleich zu den zahlreichen Lobeshymnen auf die Filmindustrie, die man insbesondere in den letzten Jahren durch beispielsweise La La Land oder Once Upon a Time in Hollywood sehen durfte, wirkt Judy schon wie ein frischer Ansatz. Es bleibt aber leider beim Ansatz.

There’s No People Like Show People

“they smile when they are low
Even with a turkey that you know will fold, you may be stranded out in the cold
Still you wouldn’t change it for a sack of gold, let’s go on with the show”

Klar, der Film soll wohl eher als Charakterstudie denn als tatsächliches Biopic verstanden werden – alleine schon weil nur exemplarisch zwei Stationen in Judy Garlands Karriere herausgepickt werden. Doch auch hierfür geht er trotz zwei Stunden Laufzeit nie tief genug und kratzt nur an der Oberfläche von Garlands Traurigkeit. Als Kritik am Show-Business und dessen Fassaden lässt er sich deshalb auch weniger verstehen, insbesondere, weil auch Judy schon immer Schwierigkeiten hatte, die Fassade aufrecht zu erhalten. Und so ist es leider auch bei diesem Film. Die Fassade, bestehend aus der großartigen Leistung von Renée Zellweger, die durchaus verdient einen Golden Globe für ihre Darstellung gewonnen hat, täuscht nicht darüber hinweg, dass ansonsten vor allem Leere geboten wird. Kombiniert mit einer fast schon zynisch banalen Charakterisierung einer vielschichtigen Persönlichkeit.

Hier und da werden überaus kitschige Momente für die Tränendrüse eingestreut, hier und da lassen sich sicherlich ein paar nette Dialogzeilen finden, aber unter dem Strich wirkt Judy leider zu keiner Sekunde angemessen für das Porträt einer der bedeutsamsten Filmschauspielerinnen des 20. Jahrhunderts. Bezeichnend auch, dass keiner der Nebenfiguren in irgendeiner Art und Weise einen Fußabdruck hinterlassen kann und dass die beste Szene des Filmes – natürlich – eine Show-Einlage ist. So konterkariert man selbst die eigentliche Aussage und es bleibt, was fast immer bleibt: Eine Show, an die man sich erinnert und ein Schicksal, das man vergisst.

 

 

Eine doppelbödige Geschichte, die man definitiv nicht vergisst, hat Rian Johnson mit seinem neuen Film Knives Out geschaffen. Fans von Agatha Christie sollten hier ganz hellhörig werden!

Ob der klassische Whodunit-Ansatz schlussendlich auch aufgeht und heute noch überzeugen kann, verrät euch Flo in seiner Review.

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