Comicverfilmungen! Es reicht!

Letzte Woche startete der wohl meist erwartete Film des Jahres: „Avengers: Infinity War“. Er bildet das oder besser gesagt ein großes Finale des sogenannten „Marvel Cinematic Universe“ – kurz MCU -, das 2008 mit „Iron Man“ seinen Anfang fand. Mit mittlerweile 18 Filmen, die alle in der Welt der Marvel-Comics angesiedelt sind, und mit über 60 Charakteren aus den zahllosen Superheldengeschichten ist es bisher in seiner Art einzigartig. Kein anderes Franchise konnte bisher so viele Einnahmen verbuchen – nicht mal „Star Wars“- und so viele inhaltlich zusammenhängende Filme produzieren. Der Erfolg verwundert einen da auch weniger – die Frage, die man sich eher stellen muss, ist, ob es nicht langsam genug ist. Denn will unsere (Film-)Generation wirklich als die Epoche der Comicverfilmungen in die Kinogeschichte eingehen?

Nun muss ich selbst sagen, dass ich definitiv ein Fan des MCUs bin. Als Kind und Teenie liebte ich die Comics von Marvel, vor allem Spider-Man. Ich besaß tonnenweise Action-Figuren von ihm und sogar ein Kostüm, das Fäden verspritzen konnte. Es gab also auch für mich nichts Besseres, als die Helden meiner Kindheit über die große Leinwand flimmern zu sehen. Und die ersten drei Kinoausflüge des Wandkrabblers, damals noch gespielt von Tobey Maguire, liebte und genoss ich selbstverständlich. Das tue ich heute noch. Auch „Iron Man“, „Den Unglaublichen Hulk“ und später dann den ersten „Avengers“ fand ich spitzenmäßig. Doch seitdem sind zehn(!) Jahre vergangen – und meine Begeisterung hat sich leider in Kopfschütteln verwandelt.

Ich bin überzeugt, dass diese „Abneigung“ nichts mit meinem Alter oder dem daraus gescholtenen Begeisterungsverlust zu tun hat. Ich bin einfach übersättigt. Selbst wenn man die Möglichkeit hat, die ganze Zeit sein Lieblingsessen zu essen, und man die Idee am Anfang super geil findet, so wird man recht schnell feststellen, dass man keine Lust mehr darauf hat – oder schlimmer: seine Leidenschaft dafür komplett verliert. Und genau so geht es mir mit Comic-Verfilmungen.

Mittlerweile sprießen aus allen Ecken und Enden Superhelden. Jedes Jahr kommen drei, vier, fünf neue Filme und Serien dieser Art heraus – und die meisten davon sind entweder nur durchschnittlich oder einfach nur der Lückenfüller für das nächste Teil. Doch nicht nur das. Das MCU zieht noch einen ganz anderen Rattenschwanz hinter sich her: die Idee eines Filmuniversums. Jedes Hollywood-Studio will die Idee von Marvel kopieren und versucht nun seit geraumer Zeit, sein eigenes Universum zu kreieren. Es gibt jetzt das DCEU um Superman, Batman etc., oder das Dark-Universe mit dem katastrophal schlechten „Die Mumie“ von 2017, und dann noch das Monster-Universum mit den ewigen Städtezerstörern Godzilla und King Kong. Das ist doch eine Katastrophe!

Meiner Meinung nach leidet die Filmwelt und speziell die Traumfabrik Hollywood schon seit ca. 20 Jahren an einem kreativen Problem höchster Stufe. So kommen durchschnittlich pro Jahr gefühlt 256 Fortsetzungen und Remakes in die Kinos. Von Kreativität ist hier seit längerer Zeit nichts mehr zu spüren. Und wirkliche Filmjuwelen gibt es gefühlt nicht mehr. Mich als Cineasten macht das wirklich traurig. Vor allem, wenn mal wieder ein guter Streifen im Kino läuft, so wird er eh von den meisten Leuten kaum beachtet – außer vielleicht von den Oscars, aber mit denen rechne ich ein anderes Mal ab. Selbst Meisterregisseure wie Spielberg, Scorsese und Coppola produzieren seit Jahrzehnten durchschnittliche Kost. Was ist aus diesen ehemaligen Rebellen geworden, die in den 1970er Jahren mit der „New Cinema“-Welle die Kinolandschaft für immer verändern sollten? Oder besser: Was ist aus dem filmischen Nachwuchs geworden?

Klar, es gibt Ausreißer – wie Quentin Tarantino, Damien Chazelle oder auch David Fincher, um nur einige Namen zu nennen. Aber diese Herren sind leider nur wenige, und die Idioten werden immer mächtiger und präsenter. Mein liebstes Beispiel: Michael Bay. Ich will nicht zu sehr ins Detail über meine tiefgehende Abneigung gegen diesen Menschen gehen, doch er steht meiner Meinung nach für alles, was in Hollywood gerade falsch läuft. Und wenn er irgendwann einen Comic-Film macht, dann knüpfe ich mich am nächsten Baum auf. Ich bin ja schon froh, dass aus seinem „Transformers“- Universum nichts geworden ist. Denn auch diese Filme stehen Pate für alles Schlechte in der aktuellen Filmwelt.

Aber wer ist wirklich Schuld daran – die Produzierenden oder die Konsumierenden? Ich sage: Beide! Nun werden mittlerweile die guten Drehbücher und Geschichten in Serien verarbeitet, was ich an sich für eine wahnsinnig gute und oft auch schlüssige Idee halte, geht man von der Komplexität einiger Stoffe aus. Doch muss der Film wirklich darunter leiden? Ich kann ja verstehen, dass man sich Filme auch gerne als Zerstreuung ansieht, und dass man nicht immer Lust auf besonders anspruchsvolle Kost hat. Aber die Tendenz geht gerade nicht nur in Richtung Zerstreuung, sondern eher in die Richtung Dummheit und unterstes Mittelmaß. Es wird so viel Geld in Filme und auch Blockbuster gepumpt, und was man da teilweise serviert bekommt ist eine bodenlose Frechheit – siehe „Transformers“. Da kann und sollte man besser das Geld anderweitig verwenden. Ich glaube aber auch nicht, dass das Publikum dümmer wird, sondern eher unaufmerksamer. In der Zeit des Internets, der Handys usw. hat man nicht mehr die gleiche Aufmerksamkeitsspanne wie damals ohne den ganzen technischen Schnickschnack. Ich gehöre auch selbst oft genug zu den Bildschirmzombies – man kommt dem Trend ja so oder so nicht aus – aber das sollte sich nicht auf Sachen wie Anspruch, (Film-)Kunst, Neugier und Begeisterung ausweiten. Doch das tut es leider bei den meisten und sie merken es nicht mal.

Vielleicht irre ich mich ja, und in den kommenden Jahrzehnten werden die Comicverfilmungen und die Filmuniversen zu Klassikern und Vorbildern, über die man noch lange spricht und die Filmemacher auf der ganzen Welt inspirieren. Doch ich denke es nicht. Die aktuelle Situation erinnert mich eher an das ähnliche Problem der 50er und 60er Jahre als nur noch Monumentalfilme, Western und Musicals produziert wurden. Einige davon haben die Zeit überdauert, doch die meisten sind in Vergessenheit geraten. Doch ein Positives entstand daraus – nämlich die eben erwähnte „New Cinema“-Bewegung, die den Staub und die Spinnenweben von Hollywood wegfegten und eine neue Ära von kreativen, kritischen und inspirierenden Klassikern eröffneten.

Und so wird es mit dem MCU auch sein. Jetzt finden wir es noch alles toll und spaßig – doch bald werden wir übersättigt sein und uns wird schlecht werden. Einige der Filme werden bestimmt in Erinnerung bleiben – zurecht wie ich finde. Denn eine Handvoll sind gut gelungen. Doch es wird langsam Zeit, die bunten Strumpfhosen und die Masken an den Nagel zu hängen und sich neueren Herausforderungen zu stellen. Und dann kann es von mir aus auch, wenn ich 80 bin, ein kleines Revival der Superhelden geben. Dann lächle ich vielleicht auch mal wieder, wenn ich einen Comic-Film sehe. Aber nur vielleicht.

Von Martin Arnold


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