Historie mal anders

Sonntag, 13.01 im Cinema, München – die Fantasy Filmfest White Nights ziehen wie jedes Jahr Genrefans in ihren Bann und füllen die Kinosäle bis auf den letzten Platz. Die Stimmung ist geladen und das Publikum wartet gespannt auf Yorgos Lanthimos neues Werk – The Favourite.

Gewöhnlich ist das nicht, denn Yorgos Lanthimos Stil ist – sagen wir mal – außergewöhnlich. Bereits in seinem ersten Langfilm Dogtooth kommt dieser zum Vorschein und bildet sich in den kommenden Werken noch weiter aus. The Lobster lebt von seinem trocknen Humor und spielt so gekonnt mit den Gesellschaftsnormen und -werten des Zuschauers. In The Killing of a Sacred Deer sticht eine weitere Komponente besonders hervor: die Tragik. Jetzt, mit seinem fünften Langfilm, ist er so stilsicher geworden, dass er sich wild in einem Genre austoben und es sich zu Eigen machen kann. Vorhang auf für The Favourite!

Rachel Weisz, die nach The Lobster wieder mit Lanthimos zusammenarbeitet, spielt Lady Sarah, die Duchess von Marlborough, eine mächtige Frau, die zur Linken von Queen Anne (Olivia Colman) wurde und eine enge Vertraute von ihr ist. Diese wird auch dringend benötigt, denn die Queen ist nicht mehr in allzu guter Verfassung. Rheuma, Depressionen und starke Stimmungsschwankungen machen ihr schwer zu schaffen.  Einziger Wehmutstropfen sind ihre 17 Kaninchen, die sie in kleinen Käfigen hält und ab und an zum Kuscheln hervorholt, ein durch und durch labiler Charakter, doch Lady Sarah ist nicht fern und regiert somit das Land aus der zweiten Reihe und führt England auch letztlich in den Krieg gegen Frankreich.

Schräge Frisuren und irrsinnige Figuren sind bei The Favourite an der Tagesordnung © Twentieth Century Fox France

Schnitt, Abigail (Emma Stone) betritt die Szenerie bzw. fällt kopfüber in den mit Kacke gefüllten Schlamm. Sie ist Lady Sarahs Cousine und bekommt so eine Anstellung als Küchenhilfe am Hof. Zuvor noch eine Lady, ist Abigail ganz unten angekommen, nachdem ihr besoffener Vater sie und den ehrbaren Familiennamen bei einem Kartenspiel verwettete. Lange soll es aber nicht so bleiben, denn Abigail schmiedet bereits heimtückisch ihren Aufstieg. Emma Stone ist perfekt gecastet – unscheinbar, wunderschön und doch gefährlich, genauso wie Abigail.

 

Abigail: “My good friend, how good to see you’ve returned from…”
Lady Sarah: “Hell. I’m sure you shall pass through it one day.”

 

Die grundsätzliche Szenerie ist an Absurdität kaum zu übertreffen: Alte Männer mit Perücken, die halb von den Schultern hängen, feuern in Ekstase Gänse an, die sich ein Wettrennen auf dem Saalboden liefern, während sich vornehme Ladys giftige Wortgefechte liefern.

Eine verklärte Romantisierung sucht man in The Favourite vergebens – abgesehen von den schönen Bauten mit ihren Wandteppichen. Es riecht nach Mist, es wird geflucht und es fließt Blut. So ist es damals eben gewesen, und Yorgos Lanthimos zeigt es uns während wir uns in seiner Unmenschlichkeit und Tragik suhlen, denn Historienfilme können auch anders und das ist gut so, vor allem, wenn es so gekonnt inszeniert wird.

Regie: Largos Lanthimos

Genre: Drama

Cast: Olivia Colman, Rachel Weisz, Emma Stone, Nicholas Hoult, Joe Alwyn, James Smith, Mark Gatiss

Crew: Screenplay: Deborah Davis, Tony McNamara. Camera (color, widescreen): Robbie Ryan. Editor: Yorgos Mavropsaridis

 


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