Auch ohne Apfelkuchen gut

Ich bin mit den American Pie-Filmen aufgewachsen und holte mir dort meine ersten vorpubertären Sex-Fantasien ein, ohne jedoch wirklich den Hauch einer Ahnung davon zu haben. Teenie-Filme- und Serien waren besonders in den 90ern ein weit verbreitetes Phänomen – nur zu gut erinnere mich an den Film Nicht Noch Ein Teenie-Film!, der genau diese Überladung im Genre thematisierte und parodierte.

Mittlerweile haben wir 2019 – und durch Netflix und Co. sind die Teenie-Serien natürlich noch mehr geworden. Ob Pretty Little Liars oder Riverdale – das Angebot ist riesig, das junge Publikum ist begeistert, der Zeitgeist wird durch und durch getroffen. Ich konnte mit all diesen Serien aus der Neuzeit jedoch nichts mehr anfangen – zu plump, zu wenig Charme, und in seinem Hochglanzstlye fernab von meiner Realität und der Erinnerung an meine Jugendzeit. Doch plötzlich entdeckte ich Sex Education auf Netflix – und muss sagen: Ich bin wieder ein bisschen begeistert.

Zugegeben: Sex Education kommt nicht an die Reihe um Jim, Oz und Stifler ran – und dennoch hat sie es mit ihren acht Folgen (jeweils zwischen 46 und 52 Minuten) geschafft, mein Herz zu erobern. Worum geht es? Im Mittelpunkt der Serie steht der Teenager Otis (Asa Butterfield, Hugo Cabret), der gerne an sich selbst rumspielt, sonst aber noch keinerlei sexuellen Erfahrungen machen durfte.  Otis‘ Mutter Jean (Gillian Anderson, unsere liebe Scully aus Akte-X) ist Sexualtherapeuthin und therapiert von daheim aus. Dabei kommt es nicht selten vor, dass sie mit ihren männlichen Patienten im Bett landet. Zumindest auf theoretischer Basis hat Otis deswegen ein breites Wissen – was liegt da also näher, als für seine Mitschüler eine Untergrund-Therapieklinik zu gründen.

Eric (Ncuti Gatwa) hat es nicht einfach. © Netflix

So startet Otis zusammen mit Maeve (Emma Mackey, erste große Rolle), die Sex-Probleme der pubertierenden Meute zu therapieren – zumindest zu Beginn. Denn nach und nach entwickelt sich die Serie in eine ganz andere Richtung, und diese gefiel mir deutlich besser. Ab Folge vier bekommt die Serie einen ganz neuen Spin und erzählt vor allem die Nebengeschichten mit ganz viel Herz. So zum Beispiel die von Otis‘ bestem Freund Eric (Ncuti Gatwa, hervorragend gespielt und die Entdeckung der Serie), der hinsichtlich seiner homosexuellen Neigungen Probleme in seinem sehr konservativen Elternhaus hat, und ständig auf der Suche nach sich selbst ist. Wirklich ergreifend!

Oder die Geschichte von Adam (Conor Swindells), der als Sohn des Schuldirektors mit den Vorstellungen seines Vaters nicht im Einklang ist, und als typischer Bully seine Runden durch die Highschool macht. Auch seine Story entwickelt sich mit einer unfassbaren Tragik und ganz viel Gefühl weiter. Ebenfalls brilliant: Gilian Anderson als durchgeknallte Mutter von Otis.

Letztlich bleibt zu sagen, dass Sex Education eine wirklich tolle Serie ist – zumindest ab Folge vier. Dann verwandelt sich der Klamauk in eine hervorragende Mischung aus Tragik und Comedy und schafft es, die Alltagsprobleme von Jugendlichen ganz hervorragend in Szene zu setzen.

Sex Education

Produktionsland: Großbritannien
Folgenanzahl: 8 (jeweils 46 bis 52 Minuten)
Verfügbar über: Netflix


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